Offenstallhaltung - wollen wir doch alle?!
Für viele Selbstversorger ist die Offenstallhaltung das angestrebte Ideal. Aber wer glaubt, nun weniger Arbeit zu haben als mit dem Boxenpferd, der irrt: Ein Pferd produziert pro Tag ungefähr 55 Liter Mist (und nicht die gern in der Literatur angegebenen 35 Liter - vielleicht liegt es an der raufutterreicheren Ernährung unserer Freizeitpferde?). Eine Box ist mittels einer großen Schaufel in zehn Minuten saubergeräumt. Beim Offenstallpferd muss aber auch der Auslauf abgesammelt werden; das heißt, dass Mist zuerst aus dem Stall geräumt wird (das sind schon dieselben zehn Minuten ...) und anschließend mit anderem Gerät, je nach Bodenbeschaffenheit, in mühevoller Kleinarbeit etliche Quadratmeter Fläche nach Pferdeäpfeln abgesucht werden. Der Zeitaufwand für die Mistbeseitigung ist damit nicht geringer, sondern weitaus größer. Ähnliches gilt für das Füttern: sei es, dass die Offenstallpferde Eimer umgehängt bekommen, zum Fressen angebunden oder durch Stangen auseinandergesperrt werden - wenn das Füttern nicht gerade von einer Computeranlage vollautomatisch in Fressständen übernommen wird, dauert es länger als die Fahrt mit dem Futterwagen durch eine Stallgasse, denn anschließend müssen alle Pferde wieder losgebunden oder von Eimern befreit werden.
Da jedes Pferd vergleichsweise mehr Grundfläche benutzt als bei herkömmlicher Stallhaltung, muss grundsätzlich von höheren Kosten für das gepachtete, entsprechend dimensionierte Gelände ausgegangen werden.
Offenstallhaltung bedeutet außerdem viel Drecksarbeit. Schwere Mistkarren wollen durch schlammige Ausläufe gezerrt werden. Schnee deckt den frischen Mist zu und lässt Pferdehalterinnen zu Wünschelrutengängerinnen werden. Frost zwingt dazu, Pferdeäpfel mit dem Vorschlaghammer abzubauen, sehr zum Erstaunen vorbeiziehender Spaziergänger. Mein Nachbar der Hannoveranerzüchter fragte im Winter immer schmunzelnd über den Zaun: „Na, suchen Sie wieder nach Gold?“ Wind behindert das Fegen. Sind Sie mit allem endlich fertig, sehen Sie gerade noch, wie Ihre Flicka sich schnell neu mit frischem Lehm einpackt, ist sie doch gestern daraufhin ohne Reiten davongekommen.
Und trotzdem: hier im Offenstall entwickelt Ihr Pferd am schnellsten und nachhaltigsten die Intelligenz, sich zielgerichtet im Lehm zu rollen, die Sicherheit, von selbst über eine Plastikplane zu marschieren oder einen Gymnastikball bewusst und regelrecht schadenfroh hinter ranghöheren, aber ängstlicheren Pferden herzutreiben. Ein großer Teil der Umwelt kann immer wahrgenommen werden, und Pferde können sich in ihrem Begreifen von Ursachen und Wirkungen spürbar besser entwickeln.
Quelle:
www.offenstallhaltung.net