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Alt 08.01.2005, 00:41   #1 (permalink)
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Standard Epilepsie

Gewissenhafte Untersuchungen


Genetische Studien über Krankheitsdispositionen setzen voraus, dass die gestellten Diagnosen bei allen Hunden stimmen, d. h., alle Hunde mit epileptischen Anfällen, die auf andere Ursachen zurückgeführt werden können, wie Vitamin B1-Mangel, Tumor usw., dürfen in den Untersuchungen nicht berücksichtigt werden. Unzutreffende Diagnosen (sog. falsch Positive) können bei genetischen Analysen zu gravierenden Fehlschlüssen führen. Bei den Untersuchungen, die wir zusammen mit der Abteilung für Klinische Neurologie am Tierspital Bern (Leiter PD Dr. A. Jaggy) durchgeführt haben, wurden alle Fälle von Fachtierärzten der Abteilung überprüft. Hunde mit unsicherer Diagnose wurden in den Studien nicht berücksichtigt.
Treten Krankheiten nur in einer oder wenigen Rassen oder innerhalb Rassen in wenigen Familien auf, kann dies ein erster Hinweis auf eine erbliche Prädisposition sein. Dabei muss man aber beachten, dass gemeinsame Umweltverhältnisse mehrerer Familienmitglieder eine genetische Ursache auch lediglich vortäuschen können. Dieses Phänomen tritt bei der Epilepsie kaum auf, da praktisch alle erkrankten Tiere als Einzeltiere gehalten wurden. Die in der Schweiz untersuchten Rassen (Berner Sennenhund, Golden Retriever und Labrador Retriever) zeigten alle ein familiäres Auftreten der Epilepsie Damit lag die Vermutung nahe, dass die Prädisposition zur Epilepsie einen genetischen Hintergrund haben kann. Erbliche Einflüsse bei epileptischen Anfällen wurden auch in anderen Rassen ausgemacht (z. B. Tervueren, Deutscher Schäfer, Keeshond, Boxer). Ferner ist eine gewisse Ähnlichkeit zur genetisch beeinflussten Epilepsieform beim Menschen nicht zu leugnen.
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Alt 08.01.2005, 00:42   #2 (permalink)
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Standard Angaben über Generationen

Angaben über Generationen


Will man mit züchterischen Massnahmen diese Erkrankung bekämpfen, so muss deren Erbgang bekannt sein. Ohne Kenntnisse des Vererbungsmodus können keine effizienten Selektionsstrategien erarbeitet werden. Mit der sog. Segregationsanalyse wird geprüft, ob und wie die Prädisposition an die Nachkommen weitervererbt wird, insbesondere, ob nur ein oder mehrere Gene im Spiel sind und ob ein allfälliges Hauptgen für die Krankheitsprädisposition dominant oder rezessiv vererbt wird. Diese Analyse ist sehr anspruchsvoll, denn sie verlangt zuverlässige Angaben von mehreren grösseren Familien (wenn immer möglich mehrere Generationen und alle Nachkommen der Würfe) und die Handhabung komplexer Computerprogramme. Bei den drei in der Schweiz untersuchten Rassen, wie in anderen Studien auch, ist eine genetisch bedingte Anfälligkeit für Epilepsie eindeutig nachweisbar. Wie bei den meisten anderen Krankheitsprädispositionen ist die Vererbung in diesem Fall nicht einfach auf ein einziges Gen zurückzuführen. Es sind mindestens zwei, wahrscheinlich mehrere Gene beteiligt (= oligogene Vererbung), wobei das eine oder andere Gen einen viel grösseren Einfluss als die anderen beteiligten Gene haben kann (sog. Hauptgene). Die Existenz von Hauptgenen konnten wir bei Hunden bis jetzt (noch) nicht nachweisen, diese Kenntnis ist aber essenziell, um einen molekulargenetischen Ansatz zur Entwicklung eines Diagnoseverfahrens zu rechtfertigen. Bei Mäusen, wo eingehendere genetische Studien möglich sind, konnten bereits mehrere, für Epilepsie verantwortliche, Gene (mindestens 13) auf 10 verschiedenen Chromosomen lokalisiert werden. Beeinflussen mehrere Gene die Prädisposition, so ist es nicht möglich, einen einfachen Vererbungsmodus, wie beispielsweise eine einfache rezessive Vererbung, zu ermitteln. Früher wurde behauptet, die Epilepsie werde autosomal rezessiv vererbt, doch die Häufigkeit von Nachkommen mit epileptischen Anfällen aus Eltern, die beide an dieser Störung erkrankten, ist nicht 100%, wie theoretisch zu erwarten wäre, sondern geringer. Beim Golden Retriever ist eine solche Paarung gemacht worden: Von den acht Wurfgeschwistern erkrankten zwei an Eplilepsie, die anderen hatten keine Anfälle. Ausländische Studien bestätigen diese Beobachtung, wobei der Anteil an erkrankten Wurfgeschwistern eindeutig viel grösser ist, wenn beide Eltern Epileptiker sind, als wenn beide Eltern "normal" sind. Ist nur ein Elternteil erkrankt, so liegt die Häufigkeit dazwischen. Wird die Krankheitsprädisposition nur von einigen (= oligogene Vererbung) oder vielen (= polygene Vererbung) Genen gesteuert, kann der genetische Einfluss anhand des Erblichkeitsgrades oder der Heritabilität gemessen werden. Dieser Wert schwankt zwischen Null und eins: je grösser die Heritabilität ist, umso grösser ist die Bedeutung der Gene bei der Ausprägung der Krankheit. In einer amerikanischen Untersuchung bei Tervueren wurde eine hohe Heritabilität von 0,77 für die Prädisposition für Epilepsie berechnet. Ob ähnlich hohe Werte in anderen Rassen gefunden werden, müssen weitere Untersuchungen zeigen. Obwohl noch nicht genau feststeht, wie die Prädisposition für Epilepsie genetisch gesteuert wird, so genügen die heutigen Erkenntnisse dennoch, um mit züchterischen Massnahmen das Auftreten dieser Krankheit zu senken.

Erklärung der Fachbegriffe:

Autosom: Bezeichnung für ein Chromosom, das nicht an der Geschlechtsbestimmung beteiligt ist.
Dominant: vorherrschend, überdeckend (von Erbfaktoren, Gegensatz von rezessiv).
Essenziell: wesentlich, unerlässlich, lebensnotwendig.
Heritabilität: Erblichkeit
Molekulargenetik: Wissenschaftszweig, der sich mit den Zusammenhängen zwischen der Vererbung und den chemisch-physikalischen Eigenschaften der Gene beschäftigt.
Prädisposition: Besonders ausgeprägte Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten.
Rezessiv: Zurücktretend, nicht in Erscheinung tretend, verdeckt (von Erbfaktoren, Gegensatz von dominant).
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Alt 08.01.2005, 00:43   #3 (permalink)
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Standard Ein Umdenken ist erforderlich

Ein Umdenken ist erforderlich

Ein effizientes Zuchtprogramm einzuführen ist nicht einfach, vor allem bei kleinen Populationen und bei Rassen mit einem anspruchsvollen Zuchtziel. In kleinen Populationen besteht einerseits eine erhöhte Gefahr der Inzucht, und andererseits ist die Anzahl der Hunde, die für die Ankörung zur Verfügung stehen, in der Regel (sehr) klein. Hohe Anforderungen an den Rassestandard erschweren oft eine Verbesserung von Gesundheitsmerkmalen, weil Hunde, die mit der Erbkrankheit nicht "belastet", aber im Exterieur nicht gut genug sind, für die Zucht nicht eingesetzt werden. Ein Zuchtprogramm kann nur dann erfolgreich sein, wenn alle Hundezüchter/innen einer Rasse dazu motiviert sind, dieses auch mit allen Konsequenzen umzusetzen.

Kurzfristig ist kein molekulargenetischer Test beim Hund zu erwarten, der eine Prädisposition (= besonders ausgeprägte Anfälligkeit für bestimmte Krankheiten) für epileptische Anfälle erkennen könnte, daher muss mit konventionellen Zuchtmethoden gearbeitet werden. Eine Möglichkeit wäre, dass für alle Hunde ein Zuchtwert für diese Prädisposition berechnet wird. Dieser Zuchtwert gibt an, wie stark der entsprechende Hund eine Prädisposition an seine Nachkommen weitervererben kann. Die Zuverlässigkeit der Zuchtwerte hängt sehr stark von den zur Verfügung stehenden Informationen ab: Der Zuchtwert einer "gesunden" Hündin, bei der weder von den Eltern noch von den Wurfgeschwistern Angaben über mögliche epileptische Anfälle vorhanden sind, ist sicher weniger zuverlässig als derjenige einer Hündin, bei der von all den erwähnten Verwandten Informationen da sind. Die Entwicklung eines Zuchtwertschätzverfahrens ist durchaus realisierbar, aber es macht nur dann einen Sinn, wenn gewährleistet ist, dass alle epileptischen Anfälle gemeldet werden, und zwar auch die von den Hunden, die an Private verkauft wurden. In diesem Zusammenhang wären die Rasseklubs gefordert, von ihren Mitgliedern die entsprechenden Angaben zu verlangen. Zuchtwerte erlauben sicher eine effiziente Selektion gegen diese Krankheitsprädisposition (= besonders ausgeprägte Anfälligkeit für eine bestimmte Krankheit), doch auch bereits einfachere Zuchtprogramme würden Wirkung zeigen, wie z. B. nur Zuchttiere, die selber sowie deren Eltern und Wurfgeschwister "gesund" sind, ankören, oder schon nur das Publizieren aller registrierten Fälle würde Wirkung zeigen. Ob ein einfaches oder ein ausgeklügeltes Zuchtprogramm, von zentraler Bedeutung ist, motivierte Züchter zu haben, die bemüht sind, alle erkrankten Tiere ihrer Zuchtfamilien zu melden, denn speziell bei Erbkrankheiten gilt das Sprichwort: Ehrlich währt am längsten!
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